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Vietnam: Rafale und F‑16 im Rennen um die Zukunft der Luftwaffe

Zwei Militärpiloten neben zwei grauen Kampfjets auf dem Rollfeld bei der Durchsicht von Dokumenten.

Angesichts wachsender Spannungen mit China und einer alternden Flotte russischer Kampfjets prüft Hanoi neue Optionen für seine Luftstreitkräfte. Französische, amerikanische und südkoreanische Hersteller bringen sich in Stellung, während vietnamesische Vertreter vorsichtig erkennen lassen, dass sie in einem sich rasch wandelnden Indopazifik mehr Auswahl – und mehr Verhandlungsspielraum – anstreben.

Vietnams Luftwaffe steht unter erheblichem Zeitdruck

Über Jahrzehnte hinweg bezog Vietnam die Ausrüstung seiner Streitkräfte zunächst von der Sowjetunion und später von Russland. Dieses Erbe prägt die Kampffliegerei des Landes bis heute. Die Luftwaffe der Vietnamesischen Volksarmee setzt derzeit sowohl ältere sowjetische Muster als auch jüngere russische Modelle ein, von denen viele im hochtechnisierten Gefechtsfeld der Gegenwart zunehmend veralten.

Nach aktuellen öffentlich zugänglichen Daten verfügt Vietnam über:

  • 25 Su-22 Fitter-Kampfflugzeuge sowjetischer Konstruktion, die zwischen 2019 und 2024 modernisiert wurden
  • 10 Su-27 Flanker-Luftüberlegenheitsjäger
  • 35 Su-30MK2-Mehrzweckkampfflugzeuge, die das Rückgrat der heutigen Flotte bilden

Diese Streitmacht kann vor allem nahe des eigenen Hoheitsgebiets weiterhin beträchtliche Schlagkraft entfalten. Gegen moderne Radarsysteme, weitreichende Flugkörper und elektronische Kampfführungssysteme regionaler Mächte stößt sie jedoch zunehmend an Grenzen.

„Vietnams Führung weiß, dass das Festhalten an einer alternden, stark russisch geprägten Flotte in einer Region rascher militärischer Modernisierung ein strategisches Risiko darstellt.“

Zunehmende Spannungen mit China treiben die Verteidigungsausgaben

Der Modernisierungsdruck entsteht nicht im luftleeren Raum. Die Territorialkonflikte mit Peking im Südchinesischen Meer sind zu einem zentralen Faktor der vietnamesischen Sicherheitspolitik geworden. Hanoi versucht, seine Abschreckung zu stärken, ohne eine offene Konfrontation heraufzubeschwören.

Dafür will Vietnam seinen Verteidigungshaushalt in diesem Jahrzehnt durchschnittlich um 5.5% jährlich erhöhen. Bis zum Ende der 2020er-Jahre sollen die jährlichen Verteidigungsausgaben etwa 10.5 Milliarden US-Dollar erreichen. Ein wesentlicher Teil davon dürfte in Luft- und Seefähigkeiten fließen.

Ein Kernelement dieser Strategie ist die Diversifizierung. Statt sich nahezu vollständig auf russische Lieferanten zu stützen, öffnet die Volksarmee Vietnams ihre Beschaffung schrittweise für weitere Partner. Dabei geht es ebenso sehr um Politik und Diplomatie wie um die Technik selbst.

Erste Schritte weg von russischer Ausrüstung

Am Boden hat Vietnam seine Kursänderung bereits angedeutet. Im August 2024 bestellte Hanoi 20 selbstfahrende Haubitzen K9 Thunder beim südkoreanischen Unternehmen Hanwha Aerospace. Diese Kettenartilleriesysteme sollen einen Teil der Geschütze aus sowjetischer Zeit ersetzen und dem Heer beweglichere sowie präzisere Feuerunterstützung verschaffen.

In der Luft begann diese Diversifizierung zunächst bei weniger sensiblen Plattformen. Die Luftwaffe beschaffte europäische Transportflugzeuge und Hubschrauber, darunter Casa C-295, Super Puma-Hubschrauber und AW189. Diese Systeme dienen der Logistik, dem Transport sowie Such- und Rettungseinsätzen, nicht jedoch dem Luftkampf an vorderster Front.

Zuletzt erhielt Vietnam 12 von der US-Firma Beechcraft gebaute Schulflugzeuge des Typs T-6 Texan II. Diese Turbopropmaschinen gehören bei mehreren westlichen Luftstreitkräften zum Standard und könnten einen ersten Schritt zu einer engeren Zusammenarbeit mit Washington darstellen.

„Die entscheidende Frage lautet nun: Wird Vietnam dieselbe Diversifizierungslogik auch auf seine Kampfflugzeuge anwenden, den schärfsten Teil seiner Luftmacht?“

Rafale-Gerüchte: diskrete Flüge und stille Diplomatie

Das französische Wochenmagazin L’Express erklärte kürzlich, die Antwort könne Ja lauten. Seinen Berichten zufolge hat die Dassault Rafale das Interesse der vietnamesischen Luftwaffe geweckt. Der Artikel ging sogar so weit zu behaupten, ein vietnamesischer Pilot habe das französische Kampfflugzeug bereits „diskret“ geflogen. Technische oder diplomatische Einzelheiten wurden allerdings nicht genannt.

Die Rafale ist ein zweistrahliges Mehrzweckkampfflugzeug, das von den französischen Streitkräften umfangreich eingesetzt und in Länder wie Indien, Ägypten und Griechenland exportiert wird. Radar, System zur elektronischen Kampfführung und Bewaffnung verleihen ihr überzeugende Fähigkeiten für Luftverteidigung, maritime Angriffe und Angriffe in großer Tiefe – Aufgaben, die für Vietnam im Kontext des Südchinesischen Meeres relevant sind.

Französische Flugzeuge waren bereits am vietnamesischen Himmel zu sehen. Während der Verlegung PEGASE (Projection of a Large Air Device in Southeast Asia) im Jahr 2018 legten drei Rafale-Jets der französischen Luft- und Weltraumstreitkräfte einen Zwischenstopp in Hanoi ein. Der Besuch hatte auch symbolischen Charakter: Frankreich wollte seine Präsenz in der Region stärken und Kontakte zu vietnamesischen Vertretern pflegen.

Der damalige Missionskommandeur General Patrick Charaix beschrieb das Ziel als Präsentation französischer Erfahrung und als Aufbau von Beziehungen sowohl zu den lokalen Behörden als auch zur französischen Gemeinschaft in Vietnam. Er betonte, Vietnam sei an solchen Kontakten interessiert, und deutete damit auf ein beiderseitiges Interesse an künftiger Zusammenarbeit hin.

Verteidigungsbeziehungen zu Frankreich werden enger, doch kein Rafale-Abkommen

Seit dem Besuch von 2018 haben Paris und Hanoi ihre Verteidigungsbeziehungen ausgebaut. Beide Seiten erörterten industrielle Zusammenarbeit und mögliche „strukturierende Projekte“ im Verteidigungssektor. Die Gespräche reichen über reine Beschaffungen hinaus und betreffen lokale Wartung, gemeinsame Produktion sowie Technologiepartnerschaften.

Während seiner Reise nach Paris im Oktober 2024 traf der vietnamesische Präsident Tô Lâm Spitzenvertreter von Airbus und Safran, zwei bedeutenden französischen Unternehmen der Luft- und Raumfahrt- sowie Verteidigungsindustrie. Bei diesen Gesprächen dürfte es um ein breites Spektrum gegangen sein: von militärischem Transport und Hubschraubern bis zu Triebwerken, Avionik und Unterstützungsleistungen.

Auffällig war, dass kein öffentlich bekanntes Treffen mit Dassault Aviation, dem Hersteller der Rafale, stattfand. Dies schließt vertrauliche Kontakte nicht aus, verdeutlicht jedoch, wie vorsichtig Hanoi seine Signale bei Kampfflugzeugen steuert.

„Vietnam möchte moderne Technologie und stärkere Partnerschaften, muss jedoch vermeiden, sich zu eng an einen einzelnen Lieferanten zu binden.“

Warum Analysten bei der Rafale-Geschichte zurückhaltend bleiben

Das Fachmedium Vietnam Defence II mahnt im Zusammenhang mit den Rafale-Gerüchten zur Zurückhaltung. Die Publikation weist darauf hin, dass Hanoi seit Langem mit westlichen Systemen in Verbindung gebracht wird, die letztlich nie beschafft werden.

2015 berichteten Medien, Vietnam verhandele über den Kauf von 108 französischen CAESAR-Lkw-Haubitzen. Mehr als ein Jahrzehnt später ist dieses Geschäft nicht zustande gekommen. Ebenso wurde in den 1990er-Jahren ernsthaft über den Erwerb von 24 Mirage 2000-Jets als Ersatz für alternde MiG-21 gesprochen. Diese Gespräche scheiterten damals an einem US-Embargo für den Verkauf tödlicher Waffen an Vietnam.

Jahr Berichtetet Projekt Ergebnis
1990er-Jahre 24 Mirage 2000-Kampfflugzeuge Wegen des US-Waffenembargos aufgegeben
2015 108 CAESAR-Artilleriesysteme Bis heute kein Vertrag unterzeichnet
2024–2025 Interesse an Rafale Unbestätigt, weiterhin Gerüchtestatus

Diese Beispiele erklären, weshalb einige Beobachter die Rafale-Berichte bestenfalls als vorläufig bewerten. Hanoi untersucht westliche Optionen häufig, teils durchaus ernsthaft, zieht sich jedoch zurück, wenn die politischen oder finanziellen Kosten zu hoch erscheinen.

Die F‑16 „Viper“ tritt als konkurrierende Kandidatin auf

Die Rafale ist nicht der einzige westliche Jet, den Vietnam im Blick hat. Auch die F‑16 Block 70, bekannt als „Viper“, wurde als mögliche Wahl für Hanoi genannt.

Die Block 70 ist die jüngste und modernste Version der klassischen F‑16, produziert vom US-Konzern Lockheed Martin. Sie verfügt über ein modernes AESA-Radar, aufgewertete Avionik und Kompatibilität mit einer breiten Palette amerikanischer sowie NATO-standardisierter Waffen. Mehrere Luftstreitkräfte Südostasiens, darunter jene Singapurs und Indonesiens, nutzen bereits F‑16-Varianten oder haben solche bestellt.

Im September 2023 deutete ein US-Vertreter an, Vietnam zeige Interesse an amerikanischen Systemen für maritime Überwachung, Transportaufgaben und möglicherweise weitere Plattformen. Die Aussage nannte die F‑16 nicht ausdrücklich, verstärkte jedoch Spekulationen, dass Washington über Kampfjetverkäufe sprechen würde, sofern das politische Klima günstig bleibt.

„Die Wahl der F‑16 würde die Beziehungen zu den USA vertiefen, während die Entscheidung für die Rafale die Verbindungen zu Europa stärken und ein Maß strategischer Mehrdeutigkeit bewahren würde.“

Welche Faktoren Vietnams Kampfflugzeugwahl im Hintergrund bestimmen

Neben der Leistungsfähigkeit auf dem Papier werden mehrere praktische Aspekte Hanois Entscheidung über künftige Kampfflugzeuge prägen.

  • Kosten und Finanzierung: Die Rafale ist pro Einheit tendenziell teurer als die F‑16, insbesondere wenn Unterstützung und Infrastruktur einbezogen werden. Finanzierungspakete, Kredite und Kompensationsgeschäfte werden erhebliches Gewicht haben.
  • Ausbildung und Umstellung: Der Wechsel von russischen zu westlichen Systemen verlangt umfangreiche Pilotenausbildung, neue Simulatoren, englischsprachige technische Dokumentation und einen Wandel der Wartungskultur.
  • Waffenkompatibilität: US-Kampfflugzeuge sind üblicherweise auf amerikanische Raketen- und Bombenbestände angewiesen, die Exportkontrollen unterliegen. Die Rafale kann eine Mischung europäischer Waffen einsetzen, was andere politische und operative Abwägungen ermöglichen könnte.
  • Widerstandsfähigkeit der Lieferkette: Vietnam muss beurteilen, welche Partner Ersatzteile und Modernisierungen über mehrere Jahrzehnte garantieren können, selbst wenn sich die geopolitische Lage verändert.

Hanoi muss zudem seine Beziehungen zu Moskau und Peking ausbalancieren. Eine abrupte Hinwendung zu westlichen Waffen könnte in Moskau als Brüskierung und in Peking als feindseliges Signal wahrgenommen werden. Ein schrittweiser, zurückhaltender Übergang mit zunächst begrenzten Bestellungen würde dieses Risiko verringern.

Was „Mehrzweckkampfflugzeug“ und „Block 70“ tatsächlich bedeuten

Zwei Begriffe tauchen in dieser Debatte ständig auf: „Mehrzweckkampfflugzeug“ und „Block 70“. Beide klingen technisch, beeinflussen jedoch maßgeblich, wie Luftstreitkräfte ihre Zukunft planen.

Ein Mehrzweckkampfflugzeug ist darauf ausgelegt, mehrere Einsatzarten zu übernehmen, statt nur für eine einzige optimiert zu sein. Rafale und F‑16 können Luftverteidigung, Luft-Boden-Angriffe, Angriffe auf Schiffe und Aufklärung durchführen – häufig sogar innerhalb eines einzigen Einsatzes.

Für ein Land wie Vietnam ist diese Flexibilität wertvoll. Anstatt für jede Aufgabe getrennte Flotten vorzuhalten, kann es eine kleinere Zahl von Jets beschaffen und dennoch die meisten Einsatzarten abdecken, sofern die Piloten entsprechend ausgebildet sind und die Flugzeuge über passende Sensoren und Waffen verfügen.

„Block 70“ bezeichnet einen bestimmten Standard innerhalb der F‑16-Reihe. Jeder „Block“ bündelt Verbesserungen wie leistungsfähigere Computer, neue Radargeräte, moderne Cockpitanzeigen oder optimierte Selbstschutzsysteme. Die Baureihe Block 70/72 steht im Wesentlichen für die leistungsstarke, exportorientierte Konfiguration der F‑16 und richtet sich an Luftstreitkräfte, die moderne Fähigkeiten wünschen, ohne in die politische und finanzielle Gewichtsklasse der F‑35 vorzustoßen.

Mögliche Zukunftsszenarien für Vietnams Luftkampfflotte

Für die vietnamesische Luftwaffe zeichnen sich im kommenden Jahrzehnt mehrere plausible Wege ab. Keiner davon ist garantiert, und Hanoi könnte Elemente unterschiedlicher Ansätze kombinieren.

Ein Szenario sieht eine zunächst begrenzte Beschaffung westlicher Kampfflugzeuge vor, möglicherweise eine Staffel Rafale oder F‑16 Block 70. Diese Jets würden neben modernisierten Su‑30MK2 eingesetzt und Vietnam eine gemischte Flotte verschaffen. Die westlichen Flugzeuge würden wahrscheinlich die anspruchsvollsten Aufgaben übernehmen, einschließlich maritimer Patrouillen und weitreichender Angriffe, während russische Muster schrittweise in Nebenrollen wechseln.

Ein anderer Weg wäre eine längere Bewertungsphase, in der Vietnam Luftverteidigungssysteme, Drohnen und Seefernaufklärungsflugzeuge gegenüber neuen Kampfjets priorisiert. In diesem Fall könnte die entscheidende Kampfflugzeugentscheidung näher an die 2030er-Jahre rücken, wenn weitere Programme der sechsten Generation und Loyal-Wingman-Drohnen auf den Markt kommen.

Auch eine regionale Kettenreaktion ist möglich. Sollte Vietnam Rafale bestellen, könnten Nachbarstaaten ihre eigenen Beschaffungspläne schärfen, besonders jene, die bereits westliche Jets einsetzen oder deren Beschaffung erwägen. Dasselbe gilt für ein F‑16-Abkommen, das Hanoi fester in von den USA geführte Ausbildungsnetzwerke und Übungen im Indopazifik einbinden würde.

Unabhängig von der Wahl Vietnams ist der grundlegende Trend eindeutig: Die Zeit, in der seine Luftwaffe fast vollständig von sowjetischer und russischer Technologie geprägt war, geht zu Ende. Die Rafale-Gerüchte, die F‑16-Spekulationen und die wachsende Zahl europäischer und koreanischer Geschäfte weisen allesamt auf eine vielfältigere und strategisch flexiblere Zukunft von Hanois Luftmacht hin.

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