Noch vor Sonnenaufgang steigen im Süden Spaniens Tausende Vögel von Mülldeponien auf und fliegen zu einigen der wertvollsten Feuchtgebiete Europas.
Was wie ein eleganter täglicher Pendelflug wirkt, verbirgt eine düstere Fracht: Verpackungsreste, Plastiktüten und Silikonfragmente gelangen Stück für Stück von menschlichen Abfalldeponien in empfindliche Lagunen und Sümpfe, die eigentlich unter Schutz stehen.
Vögel als Plastikboten
Plastikverschmutzung wird nicht nur von Meeresströmungen getragen oder über Autobahnen geweht. In Andalusien reist sie auch auf Flügeln. Weißstörche und mehrere Möwenarten transportieren unbeabsichtigt jedes Jahr Hunderte Kilogramm Abfall von weitläufigen Deponien in Ramsar-Feuchtgebiete und Naturschutzgebiete.
Forschende der Biologischen Station Doñana untersuchten diesen verborgenen Transport über Jahre hinweg. Sie statteten Vögel mit GPS-Sendern aus, analysierten Gewölle und Kot und rechneten ihre Ergebnisse anschliessend auf ganze Populationen hoch.
Ihr Fazit: Vögel sind zu biologischen Transporteuren geworden, die menschliche Müllkippen mit Lebensräumen verbinden, die auf dem Papier internationalen Schutz geniessen.
Im Mittelpunkt standen drei bekannte Aasfresser an den Deponien Südspaniens:
- Mittelmeermöwen
- Heringsmöwen
- Weißstörche
Je nach Zugverhalten und Brutzyklus pendeln alle drei Arten täglich oder saisonal zwischen Müllkippen und Feuchtgebieten.
Wie der Weg von der Deponie in der Lagune endet
In vielen Teilen Andalusiens folgt dieser Ablauf beinahe einem Uhrwerk. Möwen und Störche fressen auf Deponien Essensreste, Fischabfälle und organisches Material. Dabei nehmen sie zugleich Plastikfragmente, Folien, Fasern und mitunter grössere Gegenstände auf.
Ruhen die Vögel später in nahe gelegenen Feuchtgebieten, scheiden sie die unverdaulichen Bestandteile wieder aus. Dies geschieht vor allem auf zwei Wegen.
Gewölle, Kot und verborgener Müll
Ähnlich wie Eulen würgen viele Wasservögel kompakte Gewölle hervor. Dabei handelt es sich um kleine, verdichtete Bündel aus Knochen, Schalen, Samen und anderen Stoffen, die ihr Verdauungssystem nicht verwerten kann. Das Team aus Andalusien fand in diesen Gewöllen ebenso wie im Kot immer wieder Plastik und sogar Glas.
Jedes Gewölle, das an einem Ufer oder auf einer Insel zurückbleibt, kann mehrere Plastikteile enthalten und die Belastung des Rastplatzes unbemerkt erhöhen.
Indem die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die pro Vogel nachgewiesene Plastikmenge mit der Häufigkeit der Deponiebesuche und der Anzahl der Vögel in einer gesamten Region kombinierten, konnten sie die jährlich transportierte Abfallmenge schätzen.
Hunderte Kilogramm Plastik in Schutzgebieten
Ein Schwerpunkt der Untersuchung war die Lagune Fuente de Piedra in der Provinz Málaga, eines der bekanntesten Feuchtgebiete Südspaniens. Das Gebiet ist für seine grosse Kolonie von Rosaflamingos bekannt und durch die Ramsar-Konvention geschützt.
Bei Fuente de Piedra handelt es sich um eine endorheische Lagune: Wasser fliesst hinein, aber nicht wieder ab. Salze, Nährstoffe und alle eingetragenen Schadstoffe verbleiben deshalb dort und konzentrieren sich mit der Zeit.
Im Winter sammeln sich an dieser Lagune Tausende Heringsmöwen, die in Nordeuropa brüten. Viele von ihnen fliegen täglich von Deponien in Málaga, Sevilla und Córdoba dorthin.
Das Team schätzt, dass allein diese Möwen jährlich etwa 400 Kilogramm Plastik in dieses einzelne Feuchtgebiet eintragen.
Ein weiterer Belastungsschwerpunkt ist der Naturpark Bucht von Cádiz, ein Mosaik aus Salzwiesen, Wattflächen und Kanälen, das von Zugvögeln und standorttreuen Vögeln intensiv genutzt wird. Dort nutzen alle drei untersuchten Arten dieselben Deponien und Rastplätze.
Für die Salzmarschen der Bucht berechneten die Forschenden, dass Möwen und Störche zusammen rund 530 Kilogramm Plastik pro Jahr verlagern. Hinter dieser Zahl stehen jedoch deutliche Unterschiede im Verhalten der einzelnen Arten.
Störche und Möwen: unterschiedliche Vögel, unterschiedliche Lasten
Weißstörche sind grösser als Möwen und bilden grössere Gewölle. Dadurch kann ein einzelner Storch bei einem Flug mehr Plastik transportieren. An diesen Standorten sind sie jedoch weniger zahlreich als Möwen.
In der Gesamtrechnung erwiesen sich Heringsmöwen im Untersuchungsgebiet Cádiz als wichtigste Plastiktransporteure: Sie verlagern etwa 285 Kilogramm pro Jahr. Ihre dominante Rolle liegt nicht daran, dass sie besonders unordentlich fressen, sondern an ihrer hohen Zahl, vor allem im Winter.
| Geschätzter jährlicher Plastiktransport in die Feuchtgebiete der Bucht von Cádiz | ||
|---|---|---|
| Art | Ungefähre Rolle | Geschätzter Beitrag |
| Heringsmöwe | Häufiger Wintergast | ~285 kg pro Jahr |
| Mittelmeermöwe | Standvogel und Brutvogel | Teil der verbleibenden ~245 kg |
| Weißstorch | Grosswüchsiger Deponienutzer | Teil der verbleibenden ~245 kg |
Auch der Standort ist entscheidend. Vögel, die näher an Deponien nisten oder rasten, suchen diese häufiger auf und tragen den Abfall anschliessend in nahe gelegene Sümpfe und Lagunen.
Feuchtgebiete im Schatten einer Müllkippe sind deutlich stärker gefährdet als weit entfernte Standorte, die dieselben Arten nur selten erreichen.
Ganzjährige Verschmutzung bei einigen Arten
Die Studien zeigten klare saisonale und räumliche Muster. Mittelmeermöwen, die entlang der andalusischen Küste brüten, transportierten Plastik in die Umgebung ihrer Brutkolonien – und zwar das ganze Jahr über.
Heringsmöwen und Weißstörche verlagerten dagegen während des Vogelzugs oder in bestimmten Jahreszeiten die grössten Plastikmengen, wenn sie besonders stark auf Nahrung von Deponien angewiesen waren. Auch bei den bevorzugten Plastikarten unterschieden sich die Arten. Weißstörche waren die einzigen beobachteten Vögel, die Silikonfragmente von Müllkippen zurückbrachten; warum, ist weiterhin unklar.
Plastikgefahren weit über die Vögel hinaus
Die unmittelbare Gefahr für Vögel liegt auf der Hand: Grössere Plastikteile können sich um Beine, Flügel oder Hälse wickeln. Werden sie verschluckt, können sie den Verdauungstrakt blockieren, den Appetit verringern, innere Verletzungen verursachen oder sogar zum Tod führen.
Weniger sichtbar ist die Bedrohung durch Mikroplastik und chemische Zusatzstoffe. Kleine Fragmente und Fasern können die Darmwand passieren oder sich im Gewebe festsetzen. Viele Kunststoffe enthalten Zusätze, die als endokrine Disruptoren wirken und damit Hormone beeinträchtigen, welche Wachstum, Stoffwechsel und Fortpflanzung steuern.
Wenn Plastik in winzige Teile zerfällt, kann es von einem Organismus zum nächsten gelangen, die Nahrungskette hinaufwandern und sich in höheren Ebenen anreichern.
In Feuchtgebieten können wirbellose Tiere wie Würmer, Krebstiere und Insektenlarven Plastikpartikel aufnehmen. Fische und Vögel fressen diese Wirbellosen, während Räuber wiederum Fische und Vögel erbeuten. Mit der Zeit sammeln sich die Schadstoffe über mehrere Stufen dieser Nahrungskette hinweg an.
Warum sich Vögel nicht einfach von Deponien fernhalten lassen
Die Deponierichtlinie der Europäischen Union (1999/31/EC) empfiehlt, an Deponiestandorten Abschreckungsmassnahmen einzusetzen, um Vögel fernzuhalten. Diese reichen von Netzen und über den Müll gespannten Drähten bis zu lauten Geräuschen, Falknerei oder Veränderungen daran, wie und wann Abfälle offen zugänglich sind.
Wie weit solche Massnahmen gehen sollten, wird jedoch kontrovers diskutiert. Viele Möwen- und Storchpopulationen haben sich an Deponien als wichtige Nahrungsquelle angepasst. Ein plötzlicher Ausschluss kann ihr Überleben und ihren Bruterfolg beeinträchtigen und sie möglicherweise dazu veranlassen, an anderen, weniger kontrollierten Orten nach Nahrung zu suchen – etwa auf kleinen illegalen Müllkippen oder in Stadtstrassen.
Zugleich stehen Verantwortliche vor einem praktischen Problem. Manche Abschreckungsmethoden vertreiben Vögel nur über kurze Distanzen, wodurch sich der Plastiktransport möglicherweise lediglich in ein anderes Feuchtgebiet verlagert, das als Schlafplatz dient.
Was Menschen tatsächlich beeinflussen können
Die Forschenden betonen, dass die Vögel hier nicht die Schuldigen sind, sondern Symptome eines umfassenderen Abfallproblems. Deponien voller leichter Verpackungen bieten opportunistischen Arten unwiderstehliche Nahrungsplätze.
Wenn weniger Plastik auf diesen Deponien landet, wird das Problem an seiner Ursache verringert. Drei alltägliche Verhaltensweisen machen weiterhin einen echten Unterschied:
- Reduzieren: Unnötige Verpackungen und Einwegplastik vermeiden.
- Wiederverwenden: Langlebige Behälter, Taschen und Flaschen wählen und möglichst lange nutzen.
- Recyceln: Abfälle korrekt trennen, damit weniger Material in Deponiezellen vergraben wird.
Auch eine bessere Gestaltung von Deponien ist wichtig. Abfälle rasch abzudecken, vom Wind verwehten Müll aufzufangen und organische Bestandteile von gemischtem, plastikreichem Abfall zu trennen, kann den Zugang für Vögel begrenzen. Einige Standorte testen geschlossene Abladebereiche oder eine mechanische Vorbehandlung, bei der Abfall zerkleinert und verdichtet wird, bevor Vögel ihn erreichen können.
Was Begriffe wie „Ramsar“ und „endorheisch“ tatsächlich bedeuten
In dieser Forschung tauchen mehrere Fachbegriffe auf. Zwei davon beeinflussen, wie besorgt wir über diese Feuchtgebiete sein sollten.
Ein „Ramsar-Gebiet“ ist ein Feuchtgebiet, das im Rahmen eines internationalen Vertrags gelistet wurde, der 1971 in der iranischen Stadt Ramsar unterzeichnet wurde. Staaten verpflichten sich zum Schutz dieser Flächen, weil sie für die weltweite Biodiversität, insbesondere für Wasservögel, von Bedeutung sind. Wenn Vögel Plastik in ein Ramsar-Gebiet eintragen, erhält das Verschmutzungsproblem eine internationale Dimension.
Eine „endorheische“ Lagune wie Fuente de Piedra besitzt keinen natürlichen Abfluss. Wasser verlässt sie nur durch Verdunstung oder indem es in den Boden sickert. Gelöste Salze, Nährstoffe oder Schadstoffe, die über Bäche oder Tiere eingetragen werden, bleiben daher meist zurück und reichern sich an. In einem solchen Becken bleibt jedes eingetragene Kilogramm Plastik sehr lange bestehen.
Was sich bei veränderten Deponiegewohnheiten ergeben könnte
Mögliche Zukunftsszenarien lassen sich leicht vorstellen. Verschärft Spanien seine Deponieregeln, sodass organische Abfälle weitgehend entfernt und Kunststoffe besser eingeschlossen werden, würden diese Standorte für Vögel weniger attraktiv. Möwen und Störche könnten stärker zu natürlicheren Nahrungsquellen auf Feldern, in Flussmündungen und Küstengewässern zurückkehren, und die Plastikmenge, die sie in Feuchtgebiete transportieren, würde wahrscheinlich sinken.
Steigt dagegen die Plastikproduktion, während die Abfallwirtschaft hinterherhinkt, könnten Deponien zu noch stärkeren Anziehungspunkten werden. Die Vogelzahlen an diesen Standorten könnten zunehmen – ebenso wie die Plastiklast, die Schutzgebiete erreicht. Angesichts der langen Lebensdauer von Kunststoffen und des geschlossenen Charakters mancher Lagunen bestimmen die heutigen Entscheidungen die Gesundheit der Feuchtgebiete über Jahrzehnte hinweg.
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