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Reinstedt: Mittelalterlicher Erdstall in einem 6.000 Jahre alten neolithischen Friedhof

Archäologe bei Ausgrabung einer antiken Stätte im Freien mit Tonscherben und Werkzeugen.

Ein unscheinbarer Hügel im Herzen Deutschlands verbarg über Jahrtausende ein Rätsel aus übereinanderliegenden menschlichen Epochen – unsichtbar für alle, die an ihm vorbeikamen.

Unterhalb dieser Erhebung nahe eines kleinen Dorfes entdeckten Archäologen mittelalterliche Tunnel, die in einen rund 6.000 Jahre alten prähistorischen Friedhof gegraben worden waren. Der Fund zeigt, wie unterschiedliche Gesellschaften denselben sakralen Ort im Lauf der Zeit erneut nutzten.

Ein mittelalterlicher Tunnel in einem prähistorischen Friedhof

Die Entdeckung wurde in Mitteldeutschland unweit des Dorfes Reinstedt in Sachsen-Anhalt gemacht. Sie war kein Zufallsfund, sondern kam durch ein geplantes Windparkprojekt ans Licht, für das archäologische Voruntersuchungen erforderlich waren.

Bei den Grabungen erkannten die Teams einen Erdstall: So werden flache, vergleichsweise enge und gewundene mittelalterliche Untergrundgänge bezeichnet. Solche Tunnel sind aus mehreren Regionen Deutschlands sowie aus Teilen Frankreichs bekannt und stehen fast immer im Zusammenhang mit kleinen ländlichen Siedlungen.

Unter demselben Hügel treffen ein neolithischer Friedhof und ein Labyrinth mittelalterlicher Tunnel aufeinander – getrennt durch Jahrtausende.

Besonders an Reinstedt ist der Fundzusammenhang: Das Tunnelsystem wurde unmittelbar in eine prähistorische Begräbnisstätte angelegt. Dort gibt es Hinweise auf Gräben, Gräber und einen großen monumentalen Grabhügel aus der Zeit vor etwa 6.000 Jahren, dem Neolithikum.

Was ein Erdstall ist und warum er Archäologen beschäftigt

Obwohl Erdställe seit Jahrzehnten bekannt sind, bleiben viele Fragen offen. In zahlreichen Gegenden nannten Bauern sie „Wichtellöcher“ oder „Geistergänge“ – ein Hinweis darauf, dass selbst die volkstümliche Überlieferung ihre ursprüngliche Funktion nicht sicher erklären konnte.

Zuflucht, Lagerraum oder ritueller Ort?

Fachleute verfolgen derzeit mehrere zentrale Erklärungsansätze für diese Tunnel:

  • Schutz in Konfliktzeiten: Sie könnten Dorfbewohnern bei Überfällen oder Plünderungen als schnelles Versteck gedient haben.
  • Lagerung: In einigen Regionen wird angenommen, dass darin Lebensmittel oder Wertgegenstände aufbewahrt wurden, geschützt vor Licht und Temperaturschwankungen.
  • Symbolische oder rituelle Nutzung: Enge Durchgänge, die zum Kriechen zwingen, sprechen möglicherweise für Übergangsriten, Bußhandlungen oder örtliche religiöse Praktiken.

In Reinstedt gewinnt wegen der Lage innerhalb eines alten Gräberkomplexes besonders die symbolische Deutung an Gewicht. Auch wenn mittelalterliche Bauern nicht alle archäologischen Einzelheiten des Orts kannten, nahmen sie den Hügel offenbar als einen Ort wahr, der von Erinnerung und Bedeutung geprägt war.

Tunnel an einer Stelle anzulegen, an der zuvor Gräber existierten, deutet zumindest darauf hin, dass dieser Hügel als Ort mit einer besonderen Vergangenheit galt – heilig, gefährlich oder respektgebietend.

Von der Vorgeschichte bis zum Mittelalter: ein über Jahrtausende neu genutztes Gelände

Der Fundplatz des Erdstalls war bereits als Standort neolithischer Strukturen bekannt. Archäologen dokumentierten Gräben, Bestattungen und einen großen Tumulus, also einen künstlich aufgeschütteten Grabhügel. Diese Monumente kennzeichnen den Ort seit sechs Jahrtausenden als Platz für Rituale, Abschiede und möglicherweise gemeinschaftliche Zusammenkünfte.

Tausende Jahre später nutzten mittelalterliche Gemeinschaften dieselbe Landschaft. Ohne Maschinen und topografische Karten orientierten sie sich an Geländeformen, lokalen Erzählungen und mündlichen Traditionen. Aufschüttungen und künstliche Hügel fielen häufig auf und nährten Geschichten über „alte Völker“ und „Totenfelder“.

Dass ausgerechnet in diesem Hügel ein Erdstall angelegt wurde, zeigt, dass die Erhebung über aufeinanderfolgende Generationen hinweg ein Bezugspunkt blieb. Die Landschaft wurde nicht einfach „aufgegeben“, sondern neu gedeutet. Aus einem prähistorischen Bestattungsort wurde im Mittelalter ein Ort mit anderer Funktion – vielleicht ein Zufluchtsort, vielleicht ein Platz für bäuerliche Rituale.

Eine Landschaft aus Zeitschichten

Derartige Überlagerungen sind in der europäischen Geschichte kein Einzelfall. Viele heutige Städte entstanden über mittelalterlichen Dörfern, die wiederum auf Siedlungsplätzen der Bronzezeit oder des Neolithikums lagen. Die besondere Verbindung prähistorischer Gräber und mittelalterlicher Tunnel am selben Ort ist jedoch selten und macht die „Schichten“ der Zeit besonders anschaulich.

Zeitraum Wahrscheinliche Nutzung des Hügels
Neolithikum (vor etwa 6.000 Jahren) Friedhof, Bestattungsrituale, möglicher gemeinschaftlicher Mittelpunkt
Mittelalter Unterirdische Tunnelanlagen (Erdstall) als Zuflucht oder für symbolische Praktiken
Gegenwart Gebiet für Windenergieprojekte und archäologische Untersuchungen

Wie ein Windpark zur Entdeckung des Tunnels führte

Bekannt wurde die Geschichte erst, weil der Standort für Windkraftanlagen vorgesehen war. In vielen europäischen Ländern schreiben Gesetze bei großen Infrastrukturvorhaben archäologische Voruntersuchungen vor. Diese sogenannte präventive Archäologie soll Spuren erfassen und bewahren, bevor Maschinen und Fundamente sie zerstören.

Auf dem Hügel bei Reinstedt legten die Archäologen Suchschnitte an, kartierten leichte Vertiefungen im Gelände und führten sorgfältige Messungen durch, um Auffälligkeiten im Untergrund festzustellen. Dabei kamen sowohl die bereits bekannten neolithischen Strukturen als auch der neu entdeckte mittelalterliche Erdstall innerhalb des alten Friedhofs zum Vorschein.

Projekte für saubere Energie legen mitunter tiefe Schichten der Geschichte frei und zeigen, dass Energiewende und der Erhalt der Vergangenheit gemeinsam möglich sind.

Begriffe zum Verständnis der Entdeckung

Neolithikum

Das Neolithikum bezeichnet die Epoche, in der menschliche Gemeinschaften in Europa begannen, Landwirtschaft zu betreiben, Tiere zu domestizieren und feste Dörfer zu gründen. Je nach Region reicht sie im Allgemeinen von 4.000 bis 2.000 Jahren vor Christus. Kollektive Grabmonumente wie Steingräber und künstliche Erdhügel sind typisch für diese Zeit.

Grabhügel

Ein Tumulus ist ein künstlich errichteter Hügel aus Erde oder Stein über einer oder mehreren Bestattungen. Er dient als sichtbares Monument in der Landschaft sowie als Zeichen für Gebiet und Erinnerung. In vielen Fällen zog er noch lange später Kulte, Legenden und erneute Nutzungen an.

Erdstall

Der deutsche Begriff beschreibt schwer zugängliche unterirdische Gänge, meist ohne große Kammern, mit schmalen Eingängen und Passagen, die zum Ducken oder Kriechen zwingen. Weil eindeutige Spuren wie umfangreiche Objektablagerungen oder menschliche Überreste fehlen, ist ihre genaue Nutzung schwer zu bestimmen.

Was die Entdeckung am Blick auf die Vergangenheit verändert

Der Fall Reinstedt unterstreicht, dass archäologische Landschaften dynamisch sind. Derselbe Hügel kann in einer Epoche heilig sein, in einer anderen praktisch genutzt werden und zu einem späteren Zeitpunkt beinahe in Vergessenheit geraten, bevor ein modernes Bauvorhaben ihn erneut in den Mittelpunkt rückt.

Für die breite Öffentlichkeit bietet diese Geschichte eine reizvolle gedankliche Übung. Wer durch ein europäisches ländliches Gebiet oder durch historische Viertel großer Städte geht, erkennt nicht immer, dass wenige Meter darunter Spuren aufeinanderfolgender menschlicher Nutzungen liegen können – mit Ritualen, Ängsten und Vorstellungen, die sich stark von unseren unterscheiden.

Solche Forschungen verlangen zudem Sorgfalt: Jeder Eingriff in Gebiete mit archäologischem Potenzial, darunter Vorhaben für erneuerbare Energien, Straßen oder Neubaugebiete, muss das Risiko einer Zerstörung von Kulturerbe berücksichtigen. Gut geplant können diese Projekte jedoch unerwartete Befunde sichtbar machen, etwa einen mittelalterlichen Tunnel in einem 6.000 Jahre alten Friedhof, und dem großen Mosaik der Menschheitsgeschichte weitere Teile hinzufügen.

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