Neue wissenschaftliche Erkenntnisse verdeutlichen, wie sehr bereits geringfügige Temperaturanstiege die Fischbestände im Nordatlantik und den angrenzenden Meeresgebieten verringern. Was wie ein kaum wahrnehmbares Zehntelgrad wirkt, summiert sich über Jahrzehnte zu erheblichen Verlusten marinen Lebens – mit Konsequenzen für Ernährungssicherheit, Fischerei und gesamte Küstenregionen.
Ergebnisse der Studie zu Fischbeständen
Ein internationales Team von Forschenden wertete für eine in Nature Ecology & Evolution erschienene Studie etwa 33.000 Fischpopulationen in den Ozeanen der Nordhalbkugel aus. Untersucht wurde der Zeitraum von 1993 bis 2021. Entscheidend war dabei die Trennung zwischen der langfristigen Erwärmung des Meeresbodens und kurzfristigen Extremereignissen, etwa marinen Hitzewellen.
Mit jedem Anstieg der Meerestemperatur am Boden um nur 0,1 Grad Celsius pro Jahrzehnt schrumpfen Fischbestände im Schnitt um 7,2 Prozent.
Darüber hinaus zeigt die Auswertung, dass der durch dauerhafte Erwärmung verursachte Biomasseverlust in einzelnen Jahren nahezu 20 Prozent betragen kann. Mit Biomasse ist das Gesamtgewicht sämtlicher Fische einer Population gemeint – also die gesamte Größe eines Bestands und nicht bloß die Zahl einzelner Tiere.
Weshalb die Temperatur am Meeresboden entscheidend ist
Zahlreiche wirtschaftlich bedeutende Arten wie Kabeljau, Schellfisch, Plattfische und Tiefseearten halten sich zum Leben, Jagen oder Laichen in Bodennähe auf. Gerade dort steigen die Temperaturen langsam, aber stetig.
- Wärmeres Meerwasser kann weniger Sauerstoff aufnehmen.
- Viele Fischarten vertragen nur einen begrenzten Temperaturbereich.
- Nahrungsnetze verändern sich, wenn Plankton und kleine Meerestiere abwandern.
- Hitzestress erhöht die Anfälligkeit von Fischen für Krankheiten.
Je rascher die Temperatur am Boden steigt, desto weniger Gelegenheit haben Arten, sich anzupassen oder in kühlere Gebiete auszuweichen. Besonders problematisch ist, dass sich die Verluste addieren – selbst dann, wenn der Rückgang pro Jahr zunächst überschaubar aussieht.
Geringe Temperaturänderung, große Folgen
Ein Zehntelgrad erscheint unbedeutend. Im Alltag würden Menschen einen solchen Unterschied nicht bemerken. Für Meeresorganismen gilt jedoch etwas anderes:
Was im Labor wie eine geringe Verschiebung erscheint, summiert sich im Maßstab ganzer Ozeanbecken zu einem massiven biologischen Aderlass.
Nach Ansicht der Forschenden wird insbesondere diese schrittweise Aufsummierung unterschätzt. Über Jahrzehnte kann aus einem scheinbar geringen prozentualen Verlust ein Einbruch werden, von dem sich Fischbestände nur schwer erholen – vor allem, wenn gleichzeitig Fischerei betrieben wird.
Täuschender Eindruck: Wenn Hitzewellen als Vorteil wirken
Die Studie beschreibt zudem einen weiteren sensiblen Mechanismus: Kurzzeitige marine Hitzewellen können örtlich zu wachsenden Beständen führen und dadurch das eigentliche Risiko verdecken.
Ein Beispiel liefern Sprottenbestände:
- Im warmen Mittelmeer bringt eine Hitzewelle die Tiere an ihre Belastungsgrenze, sodass die Population eher zurückgeht.
- In der deutlich kälteren Nordsee kann dieselbe Wärmeperiode die Bedingungen vorübergehend verbessern – dort steigen die Bestände.
Solche Veränderungen können den Eindruck vermitteln, dass es „insgesamt schon noch ganz gut läuft“. Die Studie warnt jedoch davor, dass genau diese Fehleinschätzung Entscheidungen in Fischereipolitik und Bestandsmanagement verfälschen könnte.
Wie daraus falsche Entscheidungen entstehen können
Reagieren Behörden nur auf kurzfristige Bestandszuwächse, liegt eine Fehlbewertung nahe:
| Kurzfristiger Eindruck | Tatsächliche langfristige Entwicklung |
|---|---|
| Nach einer Hitzewelle gibt es in einem Fanggebiet mehr Fisch. | Die gesamte Biomasse im Ozean sinkt weiterhin. |
| Einzelne Arten „wandern nach Norden“ und erscheinen stabil. | Arten am warmen Rand ihres Verbreitungsgebiets brechen zusammen. |
| Die Fangmengen bleiben kurzfristig hoch. | Der Ertrag fällt mittel- bis langfristig deutlich. |
Der spanische Ozeanexperte Carlos García-Soto bezeichnet dies deshalb als eine „gefährliche Konstellation“ für die Steuerung der Fischerei: Während der übergeordnete Trend klar abwärtsweist, erzeugen einzelne positive Ausschläge den Anschein von Stabilität.
Klimaerhitzung und bereits überfischte Meere
Neben der Erwärmung belastet ein seit Langem bekanntes Problem die Ozeane: die Überfischung. Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen nimmt der Anteil weltweit übernutzter Bestände weiter zu.
Was früher vor allem ein Fischerei-Problem war, ist inzwischen ein Doppelstress aus Fangdruck und Klimakrise – verstärkt durch schwindenden Sauerstoff im Wasser.
Zusätzlich verschärft die sogenannte Deoxygenierung, also der sinkende Sauerstoffgehalt der Meere, die Lage. Fische müssen mehr Energie für das Atmen aufwenden, bewegen sich weniger, wachsen langsamer und pflanzen sich seltener erfolgreich fort. Erwärmung, Überfischung und Sauerstoffmangel verstärken sich damit gegenseitig und beschleunigen den Bestandsrückgang.
Rekordwärme im Ozean: Erkenntnisse aus dem Jahr 2023
Eine weitere Untersuchung in Nature Reviews Earth & Environment zeigt, dass der Wärmeinhalt der Ozeane 2023 neue Höchstwerte erreichte. Dieser Wärmeinhalt gibt an, wie viel Energie die Weltmeere insgesamt speichern. Seit den 1960er-Jahren steigt diese gespeicherte Energiemenge nahezu ununterbrochen.
Die Auswirkungen betreffen weit mehr als Fischbestände:
- Korallenriffe bleichen häufiger aus und sterben ab.
- Stürme können intensiver werden, weil mehr Energie im System vorhanden ist.
- Der Meeresspiegel steigt schneller, da sich warmes Wasser ausdehnt und Gletscher schmelzen.
- Strömungssysteme wie der Golfstrom können sich wandeln – mit schwer vorhersehbaren Folgen für das europäische Klima.
Das Zusammenspiel aus Rekordwärme und allmählicher Erwärmung am Meeresboden zeigt: Es geht nicht allein um auffällige Extremereignisse, sondern um einen grundlegenden und fortdauernden Umbau des gesamten Ökosystems Ozean.
Was jedes Zehntelgrad konkret bewirkt
Klimaforschende weisen seit Jahren darauf hin, dass jede noch so kleine Begrenzung der Erwärmung zählt. Die Studie zu Fischbeständen liefert dafür ein anschauliches Beispiel aus der Unterwasserwelt:
Verlangsamt sich das Tempo der Ozeanerwärmung, verlieren wir weniger Fischbiomasse. Schon kleine Bremsmanöver bei den Emissionen wirken sich messbar auf die Bestände aus.
Umgekehrt bedeutet dies: Beschleunigt sich die Erwärmung um lediglich ein weiteres Zehntelgrad pro Jahrzehnt, gerät ein bereits belastetes System noch schneller in einen Bereich, in dem herkömmliche Regeln der Fischerei nicht mehr ausreichen. Weder Schutzgebiete noch Fangquoten können dann die Schäden durch Hitze einfach ausgleichen.
Folgen für Ernährung und Wirtschaft
Weltweit decken Hunderte Millionen Menschen einen wichtigen Teil ihres Eiweißbedarfs mit Fisch und Meeresfrüchten. Stabile Fischbestände sind für Küstenregionen direkt von Bedeutung – von Norwegen bis Westafrika sowie von Japan bis Chile.
Ein dauerhafter Rückgang der Fischbiomasse kann:
- Fangmengen senken und Lebensgrundlagen in der Fischerei gefährden,
- die Preise für Verbraucherinnen und Verbraucher erhöhen,
- Auseinandersetzungen über Fangrechte und die Wanderbewegungen von Fischarten verschärfen,
- illegale Fischerei fördern, wenn legale Erträge zurückgehen.
Für den deutschsprachigen Raum bedeutet das: Auch wenn ein großer Anteil des Fischs importiert wird, wirken sich weltweite Einbrüche unmittelbar auf Preise im Supermarkt, Versorgungssicherheit und Arbeitsplätze in der Verarbeitung aus.
Fachbegriffe einfach erklärt
Was ist eine marine Hitzewelle?
Eine marine Hitzewelle ist eine Phase, in der die Meerestemperatur an einem bestimmten Ort über mehrere Tage oder Wochen deutlich über dem langjährigen Mittel liegt. Wie Hitzewellen an Land treten auch sie inzwischen häufiger und intensiver auf. Für Meeresorganismen kann das Stress, veränderte Laichzeiten und andere Wanderrouten bedeuten – in manchen Fällen auch ein Massensterben.
Was bedeutet Biomasse im Meer?
Biomasse erfasst nicht die Anzahl einzelner Tiere, sondern ihr gemeinsames Gewicht. Für die Fischerei ist diese Kennzahl wichtig, weil sie zeigt, wie viel „Substanz“ ein Bestand besitzt. Geht die Biomasse zurück, können Populationen kurzfristig noch stabil wirken, reagieren aber empfindlicher auf Störungen wie Hitzeereignisse oder intensiven Fischfang.
Was nun auf dem Spiel steht
Die aktuellen Studien entwerfen kein abstraktes Bild der Zukunft, sondern dokumentieren einen Prozess, der bereits begonnen hat. Die Ozeane verlieren nach und nach ihre Funktion als verlässliche Quelle für Nahrung, Sauerstoff und Klimaschutz – insbesondere dann, wenn die Treibhausgasemissionen kaum zurückgehen.
Je stärker die Erwärmung gebremst wird, desto größer bleibt die Möglichkeit, Fischbestände durch wirksames Management, Schutzgebiete und weniger Überfischung zu stabilisieren. Bleibt diese Bremse aus, gilt die einfache Rechnung der Forschenden: Mehr Wärme im Meer heißt weniger Fisch – und zwar schneller, als viele bisher vermuten.
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