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Weißenspitze: Das Eis enthüllt die Umweltverschmutzung des Mittelalters

Forscher sammelt in weißer Jacke Eisproben am Gletscher in arktischer Landschaft mit blauer Eisfläche.

Dieses Eisungeheuer wird dieses Jahrhundert nicht überstehen. Doch bevor es vollständig verschwindet, hat es uns noch ein altes Geheimnis anvertraut, auf das wir gern verzichtet hätten.

Als Andrea Fisher, Glaziologin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, vor sechs Jahren die Weißenspitze anbohrte, war das Gletscherplateau in den Ostalpen noch zehn Meter dick. Dieser Gletscher ist ungewöhnlich: Er liegt reglos auf dem Gipfel des Berges, auf dem er sich befindet. Wie sämtliche Alpengletscher ist er durch die globale Erwärmung stark bedroht. Inzwischen misst er nur noch fünf Meter Dicke, weshalb ihr Team seine Eisbohrkerne untersuchte. Die chemische Zusammensetzung jeder Schicht hält nämlich präzise fest, welche Stoffe zu unterschiedlichen Zeiten in der Atmosphäre schwebten.

In den jüngsten Lagen fanden die Forschenden Rückstände von Verschmutzung aus dem 10. Jahrhundert – Belege für menschliche Aktivitäten, die für die Umwelt äusserst giftig waren. Diese Belastung zeigt einerseits, dass die mittelalterliche Wirtschaft Österreichs prosperierte. Andererseits dürften Dutzende weitere Alpengletscher vergleichbare Archive bergen, die verschwinden, bevor sie angebohrt werden konnten oder überhaupt als solche erkannt wurden.

Das Mittelalter im Eis der Weißenspitze

In den Eiskappen stiess das Team vor allem auf ungewöhnlich hohe Konzentrationen von Metallen: Arsen, Blei, Kupfer und Silber. Diese vier Stoffe gelten als geochemische Kennzeichen von Gebieten, in denen Erz verhüttet wurde. Wird ein Erz eingeschmolzen, um Metall daraus zu gewinnen, verdampfen seine Verunreinigungen – etwa Arsen, Blei und Schwefel – und gelangen als Rauch sowie Feinstaub in die Atmosphäre.

Diese Emissionen können anschliessend Hunderte Kilometer weit transportiert werden, bevor sie sich auf hoch gelegenen Schneeflächen ablagern und dort eingeschlossen bleiben. Die Analyseergebnisse sind wenig überraschend, da der Abbau von Edelmetallen – insbesondere Silber – in den Ostalpen zu jener Zeit einen beträchtlichen Aufschwung erlebte.

Rußkohlenstoff als Spur mittelalterlicher Rodungen

Neben den Metallen enthielten die Eiskappen auch grosse Mengen Rußkohlenstoff. Dieser Rückstand entsteht häufig, wenn Holz oder Pflanzenmaterial unvollständig verbrennt. Bei niedrigen Temperaturen setzt ein brennender Baum mikroskopisch kleine Kohlenstoffpartikel frei, die nicht vollständig verbrannt sind. Sie können tagelang in der Luft bleiben, sehr weite Strecken zurücklegen und sich schliesslich auf hoch gelegenen Firnfeldern absetzen.

Nach Einschätzung des Teams waren die gemessenen Werte viel zu hoch, um ausschliesslich auf Haushaltsfeuer oder natürliche Waldbrände zurückzugehen. Daher führen die Forschenden diese Verbindung auf die grossflächigen Rodungskampagnen zurück, die während eines erheblichen Teils des Mittelalters stattfanden. Damals ging man nicht gerade zaghaft vor: Überall in Europa wurden ganze Wälder niedergebrannt, um Platz für landwirtschaftliche Flächen zu schaffen. Diese absichtlich gelegten Feuer hinterliessen, über mehrere Jahrzehnte hinweg wiederholt, ihre Spuren im Eis.

Verschwindende Klimaarchive der Alpengletscher

Der Mensch hat seine Umwelt folglich nicht erst seit der Industriellen Revolution verschmutzt, auch wenn diese Vorstellung tief im kollektiven Bewusstsein verankert ist. Der kleine Unterschied besteht darin, dass unsere Vorfahren im 10. Jahrhundert keinerlei Ahnung hatten, dass ihre Tätigkeiten mehr als 1.000 Jahre später noch ablesbar sein würden. Das Team von Andrea Fisher fand allerdings keine Eisschichten aus der Industriezeit: Sie waren bereits geschmolzen. Dabei hätten gerade diese Lagen wesentlich mehr über zwei Jahrhunderte rasanten Wachstums und CO₂-Emissionen verraten können.

Dieser Verlust veranlasst Alison Criscitiello, eine ebenfalls an der Untersuchung der Weißenspitze beteiligte Glaziologin, die Prioritäten bei Eisbohrungen zu überdenken: Jene Gletscher, die am schnellsten schmelzen, müssen möglicherweise zuerst untersucht werden, bevor sich ihnen nichts mehr entnehmen lässt.

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